Das grosse Missverständnis über Widerstände in Veränderungsprozessen
Es ist der Startschuss für den neuen Veränderungsprozess: Alles ist gut vorbereitet, die Unterlagen stimmig, der Zeitplan realistisch. Im Kick-off rechnet die Geschäftsleitung mit wohlwollender Zustimmung und bekommt stattdessen angespannte Stille, skeptische Blicke, kritische Rückfragen: Was heisst das jetzt konkret für mich? Warum machen wir das und warum gerade jetzt? Wer hat das entschieden?
Für die Geschäftsleitung ist danach schnell klar: Das sind Widerstände. Und die Veränderung müsse noch besser vermittelt und überzeugender begründet werden. Genau hier beginnt dann oft das Problem. Widerstand wird oft missverstanden, und dann fast zwangsläufig falsch bearbeitet.
Was bei Widerständen missverstanden wird
«Menschen haben generell etwas gegen Veränderung»
Die Forschung sagt was anderes: Menschen wehren sich nicht grundsätzlich gegen Veränderung, sondern gegen Verlust von Status, Sicherheit, Komfort, Einfluss oder Sinn. Dent & Goldberg argumentierten schon 1999, dass es kaum Evidenz dafür gibt, dass Menschen Veränderungen als solche zurückweisen; sie wehren sich gegen das, was sie real verlieren könnten.
Wer Widerstand pauschal als Veränderungsaversion deutet, verwechselt Verlustangst mit fehlendem Veränderungswillen und behandelt Symptome statt Ursachen.
«Widerstand sitzt im Individuum» («die sind halt schwierig»)
Dieses Bild ist tief in Lehrbüchern und in der Management-Sozialisation verankert. Menschen resistieren, Führung muss überwinden, so die quasi universell akzeptierte Denkrichtung nach Lehrbuch. Dabei hatte der Ursprung des Begriffs Widerstand mal einen systemischen Gedanken: Als Kräftefeld, das alle betrifft, nicht als Makel einzelner Blockierer.
Über die Jahre zeigte die Forschung immer wieder, dass Widerstand sehr stark vom (organisationalen) Kontext und der Art und Weise der Umsetzung abhängt, und nicht primär von Persönlichkeitsdefiziten (Burnes 2015).
«Widerstand ist per se schlecht und muss weg»
Die alte Logik „Störung > entfernen“ hält sich dennoch zäh. Die Fords plädierten bereits 2010 dafür, Widerstand nicht länger als lästigen Gegner, sondern als Ressource zu sehen: Ein Gegenüber, das auf Lücken im Konzept, unklare Ziele, blinde Flecken oder eine unaufgeräumte Vergangenheit hinweist.
Widerstand klug genutzt liefert einen wichtigen Beitrag. Wird er aggressiv bekämpft, erzeugt er noch mehr Widerstände, Stress und schlechte Dynamiken.
«Widerstand löst sich, wenn wir ihn nur gut genug «hineinkaufen» (Buy-in)»
Die gängige Lehrmeinung, dabei werden Widerstände oft als Kommunikationsproblem interpretiert. Schnell entsteht Überzeugungs- und Disziplinierungsarbeit. Es geht dann weniger um echtes Klären und Aushandeln, sondern darum, dass alle auf Linie gebracht werden. So wird Widerstand nicht verstanden, sondern wegkommuniziert - und genau deshalb bleibt er: als Misstrauen, Zynismus oder stille Verweigerung.
Missverstandene Widerstände erzeugen neue Probleme
Mit den Missverständnissen entstehen dann schnell folgende Probleme:
Erzwungene Zustimmung ohne Wahlmöglichkeiten erzeugt Druck und damit Gegendruck
Menschen tragen Veränderungen mit, wenn sie eine tatsächliche Wahl und Gestaltungsmöglichkeiten beim Was und Wie haben, und nicht nur Informationen oder Mitnahme-Kommunikation bekommen. Wichtig ist, dass die Wahl- und Gestaltungsmöglichkeiten dann auch ernstgenommen und umgesetzt werden. Wo keine Umsetzung stattfinden kann, braucht es eine begründete Rückmeldung. Ansonsten besteht große Gefahr, die Menschen während des Prozesses zu verlieren, und die Gefahr von Zynismus steigt rapide an.
Widerstand, der überwunden werden muss, erzeugt Widerstand
Wenn Führungskräfte Widerstand erfahren, planen sie schnell Massnahmen: sie halten Informationen zurück, steuern Kommunikation taktisch und argumentieren „verkaufend“. Das kann genau das Misstrauen erzeugen, das man eigentlich vermeiden möchte, eine selbsterfüllende Prophezeiung.
Wer Widerstand wegdrückt, erzeugt nicht Zustimmung, sondern verhärtete Positionen. Und wenn Veränderung spürbar durchgedrückt oder erzwungen wird, kann das Widerstand sogar aktiv provozieren, und zwar auch dort, wo vorher noch Offenheit gewesen ist.
Widerstand als Diagnose nutzen
Wenn wir Widerstand nicht mehr als Störung sehen, sondern als Datenpunkt, verändert sich die Arbeit der Führungskräfte weg vom „Wie kaufen wir die Mitarbeiter rein?“ hin zu drei Leitfragen:
1. Was steht für die Betroffenen real auf dem Spiel? Geht es um Rolle, Identität, Status, Zugehörigkeit, Fairness, Mehraufwand oder Kompetenzverlust und ist das offen benennbar?
2. Welche Inkonsistenzen produziert das neu geschaffene System gerade (Ziele, Ressourcen, Anreize, Entscheidungswege)?
3. Wo brauchen die Betroffenen echte Mitsprache und Gestaltungsspielraum statt nur Information und Zustimmung?
Wenn Widerstand so gelesen wird, verändert sich der Blick auf Veränderungsprozesse: Die Frage ist dann weniger, wer sich querstellt, sondern wo Ziele, Strukturen, Prozesse oder Kommunikationsmuster nicht anschlussfähig sind. Führung beginnt dort, wo sie bereit ist, diese Fragen auszuhalten. Und nicht nur Zustimmung zu organisieren. Wer Widerstand als Diagnose nutzt, verliert vermutlich Kontrolle über die Deutungshoheit, gewinnt aber dafür etwas Anderes: ein ehrlicheres Bild der Organisation und die Chance, Veränderung so zu gestalten, dass sie langfristig trägt.
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