Nicht Widerstand, Dissonanz! Wenn Denken, Fühlen und Wollen nicht zusammenfinden
In einer selbstorganisierten Organisation gab es einen Moment, der sich nicht wie ein Organisationsentscheid anfühlte, sondern wie ein Identitätsbruch. In einen Satz verpackt, der eigentlich vernünftig klingt: Wir ziehen jetzt eine Führungsebene ein.
Dadurch verändert sich nicht nur ein Prozess, nicht nur ein Reporting, nicht nur eine Struktur. Es verändert sich die Erzählung: Wir organisieren uns selbst. Wir regeln Konflikte im Kreis. Wir entscheiden dort, wo die Arbeit passiert. Autonomie ist Teil des Selbstbilds. Wenn dann neu Führung eingeführt wird, geht es um die Fragen: Was sagt das über uns aus? Waren wir nicht reif genug? Oder ist das der Moment, in dem wir erwachsen werden?
Die Umstellung bleibt zäh
In dieser Phase zeigt sich die Spannung selten offen. Menschen arbeiten weiter, manchmal sogar mehr als zuvor - und trotzdem bleibt die eigentliche Umstellung zäh. Das ist kein Zufall. Wenn Führung neu ins System kommt, entsteht erstmal Interpretationsraum: Wie viel Macht hat diese Ebene wirklich? Was wird künftig eingefordert, was abgeschnitten? Wer gewinnt Einfluss, wer verliert ihn? Diese Unklarheit produziert Spannung. Und Spannung will die Psyche reduzieren, bis die neue Ordnung wieder Sinn ergibt.
Genau hier entsteht oft der Moment, in dem Führung erstmals von Widerstand spricht, weil sich die Spannung in sichtbares Verhalten einzelner Menschen übersetzt: zähe Entscheidungen, Rückzug, Detaildebatten, passives Abwarten oder spitze Kommentare. Was dann als Widerstand etikettiert wird, ist häufig die Oberfläche eines inneren Klärungsprozesses des Einzelnen.
Der Widerstandsbegriff: Oft eine Abkürzung
Widerstand klingt in Veränderungsprozessen schnell wie eine Charakterfrage. Als gäbe es Menschen, die Veränderung können, und andere, die grundsätzlich dagegen sind. Der Begriff ist bequem, weil er Komplexität in ein Wort presst. Dabei verhandeln Mitarbeitende innerlich gar nicht, ob die Veränderung sinnvoll ist, sondern was sie dafür bezahlen sollen. Sie verhandeln innerlich, was gerade nicht aufgeht: Überforderung, Bedrohungswahrnehmung, Identität.
Denken, Fühlen, Wollen: Passt das zusammen?
García-Cabrera und Hernández (2014) zeigen, dass Widerstände auf Veränderung nicht nur eindimensional betrachtet werden sollen, sondern in den Dimensionen aus Denken, Gefühl und Handlungsimpuls. Grundsätzlich liegen diese Ebenen sehr eng beieinander. Aber: genau diese Ebenen können auch auseinanderlaufen. Und das erzeugt Dissonanz.
Im Kopf kann ich nachvollziehen, warum Führung eingeführt wird.
Im Bauch fühlt es sich nach Kontrollverlust oder Entwertung an.
Im Handeln weiss ich nicht, wie ich mich im neuen Spiel sicher bewege.
Dissonanz ist unangenehm - und die Psyche will Entlastung
Dissonanz fühlt sich an wie innerer Druck. Und Menschen sind erstaunlich gut darin, diesen Druck zu reduzieren. Nicht immer mit der objektiv treffendsten Deutung, sondern mit der Deutung, die gerade entlastet.
Das Denken wird angepasst: Die Veränderung wird grösser oder kleiner geredet, plausibel oder absurd gemacht, je nachdem, was innerlich Ruhe bringt.
Das Fühlen wird gepanzert: Sarkasmus, Gleichgültigkeit, harte Haltung - damit man nicht verletzlich sein muss.
Das Wollen/Handeln wird umgeleitet: Man wird aktiv, aber im sicheren Terrain.
Denn die Einführung der neuen Führungsebene berührt gleich mehrere Verlustfelder auf einmal
(Dent & Goldberg 1999; Burnes 2014):
- Status und Anerkennung: Zählt unsere Stimme noch?
- Rolle und Kompetenz: Was bin ich jetzt eigentlich?
- Zugehörigkeit und Fairness: Wer gewinnt, wer verliert?
- Sicherheit und Planbarkeit: Was wird kontrolliert?
- Sinn und Kohärenz: Ist Selbstorganisation ein Auslaufmodell?
«Busy-Work» als typischer Nebenschauplatz
Die Organisation ändert nicht nur Strukturen. Sie ändert Identität. Und genau deshalb greift oft ein Muster, das von aussen wie Unwillen wirkt, nach innen aber wie Stabilisierung: Busy-Work statt echter Umstellung:
Man hält sich extrem an alten Aufgaben fest
Alles wird weiter wie früher erledigt, weil das Kompetenz und Status sichert.
Man macht sich unersetzlich
Wissen bleibt im Kopf, Übergaben werden verschleppt, Spezialfälle werden weiterhin nur von dieser einen Mitarbeiterin gelöst.
Man produziert Sichtbarkeit statt Wirkung
Viele Mails, viele Updates, viele Meetings, viel Aktivität - damit niemand denkt, man sei überflüssig.
Man klammert sich an Zuständigkeitsdebatten
Wer macht das jetzt genau, wer darf das, wer entscheidet - endlose Klärungen statt ins neue Arbeiten kommen.
Man sammelt Belege
Dokumentiert jeden Schritt, jede Rückfrage, jeden Risiko-Hinweis, um sich später abzusichern.
Man sucht Schlupflöcher
Neue Rolle offiziell ja, aber operative Entscheidungen weiter über alte Beziehungen und Wege laufen lassen.
Busy-Work ist selten Faulheit. Es ist ein psychologischer Kompromiss: Ich tue etwas, also bin ich nicht passiv. Ich bleibe im sicheren Terrain, also verliere ich nicht alles.
Was Sie tun können
Wenn Sie in dieser Umstrukturierung Widerstand erleben, versuchen Sie nicht mit rationalen Argumenten für den Veränderungsprozess zu werben. Ihre Argumente werden in Momenten, in denen Emotionen hochkochen, bei den betroffenen Mitarbeitenden nicht ankommen. Versuchen Sie anstatt dessen Folgendes:
1. Benennen, ohne zu bewerten: Ich sehe, dass das gerade Druck macht
2. Verlustfeld öffnen: Was wird dadurch unsicher oder schwieriger?
3. Stimmigkeit herstellen: Was müsste klar sein, damit Sie wieder handlungsfähig sind?
Widerstand auf individueller Ebene ist oft kein Nein zur Veränderung. Es ist ein Ja zu innerer Stabilität. Menschen versuchen, Denken, Fühlen und Wollen wieder zusammenzubringen. Und wenn ihnen das nicht gelingt, entstehen Nebenschauplätze, die wie Verweigerung wirken, aber oft nur eines tun: schützen.






