Der blinde Fleck der Effizienz: Warum Veränderung oft genau das zerstört, was uns exzellent macht
Der Klassiker: Ein neues System wird eingeführt. Ein KIS im Spital, ein ERP im Mittelstand oder Salesforce im Vertrieb. Die Strategie steht. Die Lizenzen sind gekauft. Die Versprechen der Anbieter klingen verlockend: «End-to-End Prozesse», «Transparenz auf Knopfdruck», «Effizienzsteigerung».
Und dann passiert das Paradoxon: Kaum ist das Veränderungsvorhaben im Gange, passiert genau das Gegenteil: Die Leistungsträger gehen in den Widerstand, die Qualität leidet, und die Stimmung im Team kippt ins Zynische.
Sind die Mitarbeiter einfach nicht bereit für die Zukunft?
Mitnichten.
Wir sehen den klassischen Zusammenprall zweier Welten, den Henry Mintzberg schon vor Jahrzehnten in der Organisationslehre präzise beschrieben hat, der in der modernen Change-Praxis aber oft ignoriert wird: Das System kollidiert frontal mit der Realität der Experten; es ist der Clash zwischen der «Maschinen-Logik», die auf Effizienz, Standard, Kontrolle setzt, und der «Professions-Logik», die für Exzellenz, Autonomie, Situativität steht.
Die Maschinenbürokratie: Mintzbergs Warnung
In vielen Organisationen arbeiten hochspezialisierte Experten. Die Chirurgin, der Senior-Entwickler, der Key-Account-Manager. Ihre Arbeit ist komplex. Sie lässt sich nicht standardisieren. Die Qualität entsteht durch Autonomie und Dezentralisierung. Der Experte entscheidet im Moment, was richtig ist. Mintzberg nennt das «Professional Bureaucracy».
Die meisten Change-Projekte (besonders IT-Einführungen) folgen aber der Logik der Maschinenbürokratie: Das ist die Logik jeder grossen IT-Software. Sie basiert auf Standardisierung, Zentralisierung und Formalisierung. Es gibt einen Prozess. Abweichungen sind Fehler.
Wenn diese beiden Logiken ungebremst aufeinanderprallen, entstehen massive Reibungsflächen in den tiefen Strukturen der Organisation.
Wir haben vier davon isoliert, an denen der Widerstand gerne entflammt.
1. Formalisierung frisst Autonomie
Veränderungsvorhaben bringen fast immer neue Regeln, Klickwege oder Prozessvorgaben mit sich. Wir nennen das Verhaltensformalisierung.
Früher entschied der Experte situativ, vom Standard abzuweichen, weil es zum Beispiel dem Kunden diente. Das war im besten Sinne Agilität. Der neue Prozess sagt jetzt, welcher Schritt von A nach B führt. Ohne Abweichung.
Die Folge: Verlust von Autonomie. Shaul Oreg identifiziert den Verlust von Autonomie als den stärksten Treiber für negativen Stress. Wenn ich nicht mehr entscheiden darf, wie ich arbeite, fühle ich mich zum Roboter degradiert. Der Widerstand, der spürbar wird, ist ein Verteidigungskampf um die berufliche Identität.
2. Programmierung statt Abstimmung
Wie funktioniert gute Zusammenarbeit in komplexen Teams? Durch gegenseitige Abstimmung («Mutual Adjustment»). Man ruft sich was zu, man hilft sich informell aus, man nutzt den kurzen Dienstweg. Das ist hocheffizient, aber unsichtbar. Viele Veränderungsvorhaben versuchen, diese informelle durch eine zentrale Koordination durch Planung zu ersetzen (Ticketsysteme, Workflows, Reportings).
Die Konsequenz: Das System wird starr. Die soziale Bindung, die durch gegenseitige Hilfe entsteht, erodiert. Hazy und Boyatzis warnen davor, dass ohne Resonanzräume für Emotionen die emotionale Ansteckung im Team schnell ins Negative kippt. Das Team hört auf, ein Team zu sein, und wird zur Ansammlung von Einzelkämpfern, die Tickets abarbeiten.
3. Die Macht wandert ab
Jedes digitale Veränderungsvorhaben, das auf Harmonisierung und Transparenz setzt, ist eine versteckte Zentralisierung. Entscheidungen, die früher dezentral an der «Front» (beim Kunden, beim Patienten) getroffen wurden, werden nun durch zentrale Vorgaben eingeschränkt oder genehmigungspflichtig gemacht.
Die Folge: Igor Ansoff beschreibt dies als eine Verschiebung der Machtbasis. Die Zentrale gewinnt Kontrolle («Wir sehen jetzt alles in Echtzeit!»), aber die Peripherie verliert Handlungsfähigkeit. Der Widerstand der Basis ist oft ein intelligenter Hinweis darauf, dass die Zentrale gar nicht das Wissen besitzt, um bestimmte Entscheidungen sinnvoll zu treffen. Widerstand ist kein Trotz, sondern der Versuch, die Handlungsfähigkeit vor Ort zu retten.
4. Wenn Empathie nicht mehr zählt
Das ist ein subtiler, aber gefährlicher Punkt: Jedes System misst nur das, was man zählen kann: Umsatz, Fälle, Zeit pro Ticket. Wir nennen das die sichtbare Arbeit.
Aber der Erfolg von Experten (besonders in Care-Berufen oder im komplexen B2B-Vertrieb) hängt oft an der unsichtbaren Arbeit: Dem Zuhören, dem Trösten, dem Netzwerken, dem Ausbügeln von Fehlern. Ein digitales System macht diese unsichtbare Arbeit plötzlich wertlos, weil sie nirgends auftaucht. Wer sich Zeit für den Menschen nimmt, ruiniert seine Statistik.
Das Ergebnis: Mitarbeiter stehen vor dem Dilemma: Bin ich ein guter Experte (und ignoriere das System) oder ein guter Angestellter (und ignoriere den Menschen)?
Raus aus der Tech-Falle
Was heisst das nun für alle CEOs, CHROs und Change-Agents?
Wir können die Uhr nicht zurückdrehen. Standardisierung und Digitalisierung sind absolut notwendig. Aber wir müssen sie klug designen. Statt das Veränderungsvorhaben mit der Brechstange durchzudrücken, ist es notwendig die Architektur der Organisation mitzudenken und allenfalls zu überarbeiten.
Dabei gibt es drei Prinzipien, um mögliche Kollisionen zwischen Organisation, Veränderungsvorhaben und Mitarbeitenden abzufedern:
1. Gemba Walk statt Dashboard
Strukturelle Widersprüche sieht man nicht im Lenkungsausschuss. Gehen Sie dorthin, wo gearbeitet wird. Schauen Sie zu, wie die Pflegekraft fünfmal klicken muss, um ein Pflaster zu dokumentieren. Spüren Sie den Frust. Nur wenn Sie die Reibungsverluste in der Struktur selbst erleben, können Sie das System so anpassen, dass es dient, statt zu herrschen. Denn oft haben die Kritiker recht: Der Prozess passt (noch) nicht zur Realität.
2. Lassen Sie Ausnahmen zu
Mintzberg warnt davor, Expertenorganisationen zu stark zu technokratisieren. Versuchen Sie nicht, 100% eines Prozesses zu standardisieren. Definieren Sie explizit die «20%», in denen Autonomie erhalten bleibt und lassen Sie Lücken. Ein System, das keine Ausnahmen zulässt, macht die Organisation dumm. Sagen Sie Ihren Experten: «Im Standard folgen wir dem Prozess, im Sonderfall vertrauen wir eurer Expertise.»
3. Machen Sie unsichtbare Arbeit wertvoll
Wenn Ihr neues System nur Hard Facts misst, müssen Sie als Führungskraft ebenso die die weichen Faktoren verbalisieren und belohnen. Fragen Sie in Meetings nicht nur nach der KPI-Entwicklung, sondern auch danach, wo unsichtbare Arbeit wertvoll war, obwohl es Zeit gekostet hat.
Es ist kein Mindset-Thema
Hören wir auf, Change Management als reines Mindset-Thema zu behandeln. Wenn Mitarbeitende blockieren, ist das selten Faulheit. Es ist ein Hinweis darauf, dass die Architektur Ihrer Organisation gerade dabei ist, die Qualität der Profession (DIE Substanz) in Frage zu stellen.
Wer Veränderungen erfolgreich gestalten will, muss nicht nur kommunizieren können. Er muss Architekt sein. Er muss die neuen Strukturen so bauen, in denen Effizienz und Empathie Platz haben.
Quellen
- Ansoff, H. I. (1988). The New Corporate Strategy. John Wiley & Sons.
- Hazy, J. K., & Boyatzis, R. E. (2015). Emotional contagion and proto-organizing in human interaction dynamics. Frontiers in Psychology, 6, 806.
- Mintzberg, H. (1980). Structure in 5's: A Synthesis of the Research on Organization Design. Management Science, 26(3), 322-341.
- Oreg, S. (2003). Resistance to change: Developing an individual differences measure. Journal of Applied Psychology, 88(4), 680-693.
- Womack, J. P., & Jones, D. T. (1996). Lean Thinking: Banish Waste and Create Wealth in Your Corporation. Simon & Schuster.






