Wenn Mitarbeitende nur noch die Augen verdrehen – Zynismus in Veränderungsprojekten
In der Kaffeeküche hing seit Wochen das Plakat: «Transformation 2026 – Gemeinsam. Mutig. Transparent.» Darunter klebte jemand einen Post-it: «…und pünktlich um 17.00 Uhr im Feierabend.»
Der Workshop war gut. Viele Post-its an der Wand, kluge Beiträge, ein gemeinsames Foto für die sozialen Medien am Ende. Drei Wochen später fragt ein Teammitglied im Chat: Was ist eigentlich daraus geworden? Am Nachmittag antwortet die Teamleiterin: «Wir bündeln das für Phase 2». Wenig später kommt aus dem Team der trockene Nachsatz: «Phase 2 - das Archiv für alles, was man nicht anfassen will.»
Zynismus klingt nicht wie offener Widerstand, sondern wie ein Kommentar, der die Luft aus dem Raum lässt. Und dabei ist Zynismus selten nur Unwille, sich zu verändern. Zynismus ist meistens eine Reaktion auf frühere Erfahrungen. Martens (2017) beschreibt Zynismus nicht als Persönlichkeitsproblem, sondern als ein von der Organisation (mit)verursachtes Muster. Zynismus ist Erwartungsmanagement: Bereits gescheiterte Transformationsprojekte haben einen starken Einfluss darauf, wie Menschen auf neue Initiativen reagieren (Wanous, Reichers & Austin 2000). Bevor man seine Energie wieder investiert, senkt man lieber die Hoffnung.
Warum entsteht Zynismus so zuverlässig?
Schäden aus der Veränderungshistorie
Wenn Veränderungsprozesse mehrfach gestartet und nicht abgeschlossen werden, entsteht eine Kultur des Vorläufigen. Menschen lernen, dass sich ein echtes Umstellen und Einlassen auf das Neue selten lohnt, weil sich Richtung oder Prioritäten ohnehin wieder ändern. Sog. «Change-Overload» verstärkt das dann noch: zu viele parallele Initiativen, zu wenig echte Priorisierung, zu wenig Abschluss.
Nicht eingehaltene Versprechen
Zynismus wächst dort, wo Versprechen gemacht und später still relativiert werden. Entlastung wird angekündigt, aber zusätzliche Aufgaben kommen on top dazu. Beteiligung wird zum Beispiel im Rahmen von Workshops suggeriert, dabei sind die zentralen Parameter längst gesetzt. Transparenz wird betont, aber die entscheidenden Informationen bleiben im kleinen Kreis. Besonders «wirksam» sind Walk-the-Talk-Lücken: Wenn die Organisation bzw. die Leitung etwas fordert, was sie gleichzeitig strukturell erschwert oder selbst nicht mit der eigenen Haltung vorlebt. Genau solche Inkonsistenzen nähren Misstrauen, auf dem sich Zynismus breit macht.
Symbolpolitik
Ownership, Empowerment, Agile: Management-Modeprozesse, die im Alltag keinen erkennbaren Mehrwert bringen, sind klassische Zynismus-Treiber: Neue Begriffe, neue Modelle, neue Formate, während der Kundenprozess weiter hakt, Schnittstellen unklar bleiben und die Belastung hoch bleibt. Wenn Veränderung als Inszenierung erlebt wird, entsteht Abwertung fast automatisch. Nicht, weil Menschen es nicht verstehen würden, sondern weil sie sehr gut merken, ob es im beruflichen Alltag einen Nutzen bringt.
Prozess-Fairness
Unfair empfundene Prozesse beschleunigen Zynismus. Wer trägt die Lasten, wer bekommt die Vorteile? Wer wird früh eingebunden, wer erfährt es zuletzt? Wer darf gestalten, wer darf nur zustimmen? Und wo wird Beteiligung zur Bühne, weil viel Feedback gegeben wird, aber nichts davon verarbeitet wird. Fairnesswahrnehmung und die Erfahrung von Scheinbeteiligung prägen die Haltung zu Veränderungen stark. Wenn Menschen das Gefühl haben, dass die Mitwirkung nur dekorativ ist, wird jede weitere Kommunikation als Verkauf interpretiert.
Zynismus ist alles andere als harmlos
Zynismus wertet zuerst den Veränderungsprozess ab, dann die Organisation, dann die Führung. Er ist für Führungskräfte besonders unangenehm, weil er selten als klare Konfrontation auftaucht. Er kommt als bestimmter Tonfall oder als ironischer Satz daher und wirkt sehr destruktiv: Zynismus wirkt auf Motivation, Engagement und Leistungsbereitschaft. Und mit jeder nächsten Veränderung wird es teurer.
Was hilft, wenn Zynismus im System ist?
Zynismus ist fast immer stark, wenn es bei Worten bleibt. Er wird aber schwächer bei sichtbaren Taten. Der schnellste Einstieg sind deshalb konkrete, spürbare Verbesserungen im Alltag, Low Hanging Fruits, die wirklich Entlastung oder Klarheit liefern: Wir verändern nicht nur die Sprache, wir verändern die Realität.
Vergangenheit aufräumen, Zukunft klären
Konflikte und Misstrauen bearbeiten, statt sie zu überdecken. Zynismus ist eng mit Misstrauen gegenüber der Geschäftsleitung verknüpft. Wenn das Vertrauen beschädigt ist, hilft kein neues Narrativ, sondern es braucht Reparatur: offen benennen, was nicht gehalten wurde und konkret machen, was diesmal anders abgesichert wird. Welche Zusagen gelten wirklich? Was wird gestoppt? Was wird entlastet? Welche Entscheidungspfade sind verbindlich? Es geht darum, brodelnde Konflikte zu klären und Klarheit in der Kommunikation zu schaffen, auch wenn die Realität unangenehm ist.
Walk the Talk
Wo Ownership gefordert ist, müssen die Entscheidungsrechte klar sein. Wenn Tempo gefordert ist, müssen Schleifen reduziert werden. Wenn Transparenz angekündigt wird, muss sie auch dort gelten, wo sie unbequem ist. Zynismus entsteht nicht, weil Menschen Perfektion erwarten. Zynismus entsteht, wenn Menschen wiederholt erleben, dass es eine Diskrepanz zwischen Kommunikation und Haltung bzw. Kommunikation und Umsetzung gibt.
Keine Scheinbeteiligung
Dokumentieren, was fix ist und was offen ist. Beteiligung ist nicht, wenn man Menschen fragt, sondern dann, wenn Feedback wirklich Folgen hat. Wenn es keinen Spielraum gibt, ist Ehrlichkeit besser als ein Workshop.
Zynismus ist die Quittung für die Art, wie Transformationen und Veränderungsprozesse erlebt werden. Zynismus verschwindet nicht durch Disziplinierung. Er schrumpft, wenn Menschen wieder erleben, dass ihre Worte Konsequenzen haben. Und genau dort wird Veränderung wieder anschlussfähig, weil Verlässlichkeit zurückkehrt.
Quellen:
Martens, C.C. (2017): Embracing the "fad of the day": An extended approach to organizational change cynicism. Lengerich: Pabst Science Publishers. ISBN 978-3-95853-300-4.
Wanous, J.P., Reichers, A.E. and Austin, J.T. (2000): Cynicism about organizational change: Measurement, antecedents, and correlates. Group & Organization Management, 25(2), pp. 132-153. doi:10.1177/1059601100252003






