Die fetten Jahre sind vorbei oder das Ende des Stuhlkreises
Im letzten Jahr liessen viele Unternehmen verkünden, dass man die grundsätzliche Ausrichtung der Führungsprinzipien ändern wolle: «Wir werden unsere Leute schonungslos nach ihrer Leistung beurteilen», so Nestlé-Chef Navratil. Der SAP-Konzern holt die Mitarbeitenden aus dem Homeoffice zurück ins Büro, und die Mercedes-Benz Personalchefin Britta Seeger will Führungskräfte künftig individueller bewerten – wegen der wachsenden Leistungskluft.
Doch auch bei den stark selbstorganisierten Unternehmen tut sich etwas: Unternehmen wie Einhorn aus Berlin verkünden das «Ende des Stuhlkreises». Deren Philip Siefer diskutiert in Podcasts, worin die Tücken von New Work liegen. Und auch Organisationen im Sozialen Bereich, die New Work-Ansätze schon gelebt haben, lange bevor das Thema in der Wirtschaft angekommen war, gehen in mehr hierarchisch strukturierte Organisationsformen über.
Die Gründe der Neuausrichtung sind vielfältig: gestiegene Kosten, Druck, schnelle Entscheidungen treffen zu müssen, oder gesetzliche Anforderungen wie im Arbeitsrecht, die völlige Autonomie bei der Arbeitsorganisation fast unmöglich machen.
Der Hype von New Work
In den letzten Jahren konnte man viele New Work-Initiativen in Organisationen beobachten: Autonomie für Teams, rollenbasierte Verantwortung, Sinn und Wertschätzung. Manche haben den Totalumbau vorangetrieben, andere wiederum einzelne Elemente eingeführt, einige direkt selbstorganisiert gegründet und letztere sind historisch gar so gross geworden. Immer mit einer ähnlichen Grundphilosophie: Förderung der Eigenverantwortung, Ausstrahlung als attraktiver Arbeitgeber, Flexibilität am Markt und letztlich die Sehnsucht der (jungen) Fachkräfte nach Selbstwirksamkeit und «Purpose».
Was dabei aber manchmal schiefläuft
Gerade dann, wenn die Ausprägungen an Selbstorganisation gross sind, gibt es Schieflagen: Wenn Entscheidungsbefugnisse nicht klar definiert sind, gibt es keine Entscheidungsträger, sondern (wechselnde) Entscheidungsgruppen, oft sogar ohne festgeschriebene Regelung. Das Problem, welches daraus resultiert ist, dass nicht festgelegt ist, wie entschieden wird. Der Effekt ist paradox: Aus dem Wunsch nach Autonomie entsteht ein System, in dem niemand mehr legitimiert ist, einen Schlusspunkt zu setzen. Jede Entscheidung muss dann erst die Entscheidung über die Entscheidungslogik klären: Wer darf überhaupt entscheiden? Wer darf festlegen, dass es überhaupt jemanden gibt, der entscheiden kann? Wenn diese Meta-Frage ungeklärt bleibt, blockiert sich die Organisation selbst. Und wie kann die Blockade aufgebrochen werden?
Auch Kompetenzhierarchie ist ein Ideal, das nur selten erreicht wird. Die Theorie: Wer am meisten versteht, führt inhaltlich. Das funktioniert aber nur, wenn Expertise sichtbar ist, anerkannt wird und wenn es Verfahren gibt, wie Konflikte gelöst werden. Fehlt diese Klärung, werden Entscheidungen zu Machtfragen und zu Konfliktherden.
Selbstorganisation braucht Grenzen, nicht Grenzenlosigkeit. Ohne definierte Rahmenbedingungen wie Ziel, Tempo, Ressourcen, Qualitätskriterien und Entscheidungsrechte wird Selbststeuerung zur permanenten Aushandlung.
Das Ergebnis zeigt sich im Alltag als Handlungsunfähigkeit und schleichende Ermüdung durch andauernde Konflikte. Und irgendwann wird das Ganze zum Kulturproblem, dabei ist es oft ein Designproblem. Extreme Selbstorganisation scheitert dort, wo niemand mehr die legitime Rolle hat, Komplexität zu reduzieren und einen verbindlichen Schluss zu ziehen.
Effizienz + Performance + klare Verantwortung
Die jüngsten Antworten auf diese Entwicklungen sind stärkere Steuerung, klare Verantwortlichkeiten, Standardisierung und Fokus auf Performance. Die Hierarchie verspricht Kontrolle und ein System, das Belohnung und Karrieren wieder an Leistung koppelt.
In der Veränderung laufen zwei Betriebssysteme gleichzeitig
Wenn Unternehmen wieder in eher klassische Steuerungslogiken wechseln, entsteht – wie bei jedem Veränderungsprozess – eine Übergangszeit: Das alte und neue Betriebssystem ist aktiv. Und das erzeugt fast automatisch Inkonsistenzen und in diesem Fall jede Menge Systemwidersprüche. An diesen Brüchen zeigt sich dann das, was später als Widerstand etikettiert wird und eigentlich nur eine Reaktion auf die Systemwidersprüche ist.
Widerspruch 1: Tempo vs. Führung
Wir müssen schneller werden, deshalb ziehen wir wieder eine klare Führung ein. Ab sofort brauchen Entscheidungen über Änderungen, zusätzliche Ressourcen oder Ausnahmen zwei Freigaben und ein wöchentliches Status-Deck.
Schnell kippt dann der Takt im Team: Statt direkt zu entscheiden, werden Punkte für das nächste Treffen gesammelt, Folien vorbereitet, auf Termine gewartet, Schleifen nach Rückfragen gedreht. Kleine Entscheidungen dauern plötzlich Tage oder Wochen. Nach aussen wirkt es wie Trägheit. In Wirklichkeit ist es Governance-Overhead: Mehr Steuerung erzeugt (zunächst) mehr Schleifen und nimmt das Tempo raus.
Widerspruch 2: Teamziele vs. Einzelbewertungen
Im Veränderungsprojekt wird Teamarbeit weiter als Leitprinzip betont. Gleichzeitig wird aber das Performance-System umgestellt: individuelle Ratings und Bonus werden stärker an persönliche Zielerreichung geknüpft. Schnell investieren Mitarbeitende in Sichtbarkeit: häufigere Updates, Statusmails, gut dokumentierte Entscheidungen, mehr Meetings. Risiken werden breiter abgesichert, weil Fehler schlecht für das Rating sind. Entscheidungen werden vorsichtiger, Experimente seltener. Das Team wirkt beschäftigt, aber die Umstellung geht nicht voran.
Widerspruch 3: Wenn Status die Währung wechselt
Im Rückbau bleibt oft zunächst vieles beim Alten: Rollen, Kreisformate. Offiziell zählt weiterhin Expertise und Rolle. Informell aber verändert sich die Währung zu Titel, Position und Nähe zur neuen Führungsebene. Plötzlich ist unklar, wer im Zweifel wirklich entscheidet und wessen Stimme Gewicht hat. In Meetings wirkt alles noch kollegial, parallel beginnt aber die individuelle Arbeit an der Sichtbarkeit: Wer sitzt in welchen Runden, wer bekommt Infos zuerst, wer hat Zugriff auf die Entscheider. Es entstehen Lager und Politik, weil Menschen Orientierung und Sicherheit im neuen Machtgefüge suchen.
Widerspruch 4: Scheinbeteiligung
Ein sehr wahrscheinlich auftretender Bruch ist der zwischen Beteiligungsversprechen und realem Gestaltungsspielraum. Der Veränderungsprozess wird mit Workshops flankiert. Mitarbeitende sollen mitgenommen, gehört werden. Gleichzeitig sind die zentralen Parameter längst gesetzt: Führungsebenen, Reporting, Freigaben, neue Standards. Mitarbeitende merken schnell, ob ihr Feedback wirklich etwas verändert. Wenn nicht, kippt das Vertrauen. Ist das in der Organisation nicht das erste Mal, zeigt sich Widerstand schnell in Form von Zynismus.
Das Beste aus beiden Welten: Ein paar Leitlinien
Die produktivste Perspektive ist selten entweder oder. Weder ist Hierarchie automatisch schwerfällig, noch ist Selbstorganisation automatisch effizient. Entscheidend ist, ob das Betriebssystem der Organisation konsistent ist.
1. Definieren, wofür Hierarchie zuständig ist.
Zentralisierung nur dort, wo Koordination wirklich nötig ist: Strategie, Ressourcen, Standards, Risiken und Konfliktentscheide. Teams und Netzwerke sollten dort beweglich gehalten werden, wo Schnelligkeit, Expertise und Kundennähe zählen: in der Umsetzung, in der operativen Priorisierung und in der kontinuierlichen Verbesserung.
2. Kopplung der Verantwortung mit Entscheidungsrechten.
Wer Verantwortung trägt und Ergebnisse liefern soll, braucht die passenden Hebel. Es muss klar sein, wo diese Hebel aus guten Gründen zentral liegen, welche Entscheidungen im Team bleiben und für welche Entscheidungen es ein Reporting an den direkten Vorgesetzten braucht.
3. Führung radikal verschlanken.
Es sollte auf wenige Formate mit klaren Mandaten und kurzen, verlässlichen Entscheidungsschleifen gesetzt werden. Möglichst zu vermeiden ist die teure Kombination aus Hierarchie plus Gremien plus Reportingpflichten. Effizienz entsteht durch weniger Schleifen, nicht durch mehr Steuerung.
4. Performance so gestalten, dass Teams gewinnen.
Für die Team-Performance sind Outcome und Qualität Hauptwährung. Sind darüber hinaus individuelle Performance-Indikatoren notwendig (zum Beispiel für die Berechnung einer Jahresprämie) sollten diese sichtbar sein, unabhängig von der Team-Performance und ohne Ranking-Logik. Transparente Kriterien und fair erlebte Kalibrierung sind wichtiger als ein perfektes, aber kompliziertes System.
5. Es muss nicht gleich der grosse Wurf bei der Einführung von Standards sein
Es reicht zunächst, das zu vereinheitlichen, was gemeinsame Qualität und Schnittstellen wirklich schützt. Varianten dort zulassen, wo es der Kontext fordert.
6. Beteiligung ehrlich machen.
Es ist ratsam, transparent zu machen, was fix ist, was verhandelbar ist und wo es echten Gestaltungsspielraum beim Wer, Was, Wie, Wann und Wo gibt. Pro-forma Beteiligung produziert Zynismus; echte Spielräume hingegen stabilisieren, weil sie Menschen wieder handlungsfähig machen.
Wer in der Lage ist, diese «incompatible goals within the system» (Burnes 2014) zu lesen, erkennt den eigentlichen Hebel: Entscheidungsmacht und Verantwortung neu koppeln, Führung wirklich verschlanken, Performance-Logik konsistent machen, Beteiligung ehrlich definieren und Standards so einführen, dass sie Arbeit erleichtern statt entwerten.
Das Beste aus beiden Welten ist nicht die Mitte zwischen zwei Philosophien. Es ist ein Design, in dem Anreize, Entscheidungsrechte und Standards zusammenpassen. Hierarchie schafft Klarheit. Selbstorganisation erhält Nähe zur Arbeit und Geschwindigkeit in der Umsetzung.
Und ein bisschen Unbequemlichkeit gehört schon auch dazu: Wo es leicht bleibt, bleibt auch oft alles beim Alten.
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Quellen:
Hotel Matze Podcast-Folge vom 25. Mai 2025: CheckIn mit Philip Siefer – Ist das das Ende vom Stuhlkreis?
OMHR Podcast-Folge vom 1. September 2025: Philip Siefer über das Scheitern von New Work
Handelsblatt vom 22.12.2025: «Frau Seeger, sind die Beschäftigten zu faul?»
Burnes, Bernard (2015) Understanding Resistance to Change – Building on Coch and French, Journal of Change Management, 15:2, 92-116, DOI: 10.1080/14697017.2014.969755






