Veränderungsprozesse anders denken
Veränderungsvorhaben in Organisationen scheitern selten am Projektplan oder an der Strategie. Veränderungen scheitern daran, dass Menschen unter Druck reagieren, um sich selbst zu schützen: Widerstand, Konflikte, Zynismus und Rückzug sind oft das Ergebnis.
Warum das Lehrbuch nicht immer der beste Ratgeber ist
Das Spannende daran: Die Lehrbücher zu Organisation & Change lehren das nicht. Das Lehrbuch sagt klassisch: Zuerst die Ausgangslage analysieren und ein gemeinsames Gefühl der Dringlichkeit schaffen. Dann formuliert das Top-Management eine attraktive Vision und entwickelt einen Projektplan mit Zielen, Maßnahmen, Zeitplan und Rollen. Stakeholder werden identifiziert, Kommunikation und Beteiligung geplant, die Veränderung schrittweise umgesetzt und durch Quick Wins, Trainings und laufende Kommunikation gestützt. Widerstände gelten meist als Kommunikations- oder Qualifikationsproblem und werden mit mehr Information, Dialog und Schulung bearbeitet. Und dennoch scheitern je nach Studie bis zu 70% aller Change-Projekte. Was müssen wir also anders denken?
Erstelle ein Lagebild statt einem Projektplan
Ein Projektplan beschreibt, was wann passieren soll. Ein Lagebild hingegen beschreibt, was tatsächlich passiert und warum es im System gerade sehr logisch ist. Dazu gehören immer zwei Ebenen:
Die Systemebene: Welche Veränderung setzt welche Nebenwirkungen frei? Nebenwirkungen sind Rollenunklarheit, Unsicherheit, steigende Anforderungen, sinkende Unterstützung. Niedhammer und Kolleginnen (2025) zeigen, dass Veränderungen meist mit einer Verschlechterung psychosozialer Arbeitsfaktoren einhergehen: Widerstand entsteht dort, wo das System neue Belastungen oder Widersprüche produziert.
Die Psychologieebene: Menschen reagieren nie eindimensional. Einstellungen und Reaktionen sind oft Mischungen aus Denken, Fühlen und Handeln. Und diese können sogar gegeneinander stehen. Bouckenooghe et al. (2021) betonen diese Ambivalenz, die durch vereinfachende Gesamtlabels völlig unsichtbar wird.
Ein Lagebild beantwortet: Welche Belastungen, Widersprüche, Identitätsfragen und Fairnessfragen werden gerade erzeugt?
Analysiere die Reaktionsmuster anstatt die Stakeholder zu listen
Stakeholderlisten zeigen, wer betroffen ist. Reaktionsmusteranalysen zeigen hingegen, wie Betroffene typischerweise reagieren und was die Reaktion in dieser Situation verstärkt oder abfedert.
Shaul Oreg (2017) begründet Widerstände mit individuellen Dispositionen (stabile Muster): Suche nach Routinen, emotionale Reaktivität, Kurzfristorientierung oder kognitive Starrheit. Das erklärt, warum zwei Personen im selben Change völlig unterschiedlich reagieren.
Eine Reaktionsmusteranalyse macht sichtbar, wer eher Sicherheit, wer Mitsprache, wer Sinn, wer Entlastung und wer echte Klärung braucht.
Gestalte gezielte Interventionen statt Workshops für alle
"Workshops für alle" ist oft die Standardantwort auf ein unscharfes Problem. Gezielte Interventionen beginnen mit der Diagnose der Dynamik: Geht es um Kontrollverlust? Misstrauen? Entscheidungslähmung? Überlast? Identität? Konflikt? Wie Führung in diesen Dynamiken reagiert, ist dabei ein wesentlicher Teil des Musters.
Wenn Führungskräfte stark unter Druck stehen, kippen auch Gespräche, weil Druck vor allem auch in diesen Momenten Gegendruck erzeugt: Dialoge werden kontrollierender und härter geführt. Unter engen Deadlines, hoher Aufmerksamkeit von allen Seiten und eigener Unsicherheit wirken Einwände wie Zeitverlust: sie werden überspielt, kleingeredet oder als Illoyalität gelesen, sachliche Kritik dringt kaum noch durch. Fühlen sich Führungskräfte dagegen handlungsfähig und sicher, kennen ihren Rahmen und wissen, was verhandelbar ist, können sie Zweifel eher aushalten und in echte Gespräche und gemeinsame Lösungssuche gehen. Statt flächendeckender Formate braucht es deshalb punktgenaue Eingriffe: Entscheidungswege klären, Rollen zuschneiden, Wahlräume definieren, Konflikte bearbeiten und vor Überlast schützen.
Lies die Kultur richtig anstatt sie nur als Schlagwort zu verwenden
Kultur wird oft als Nebelwort verwendet. Im Alltag zeigt sich Kultur aber sehr konkret in wiederkehrenden Mustern: Was gilt als sagbar? Wie wird widersprochen? Wie werden Entscheidungen getroffen? Wie werden Konflikte gehalten? Wie transparent ist Macht? Im Veränderungsprozess wird die Kultur auch daran sichtbar, was Widerstand auslöst.
Warrick (2023) beschreibt typische organisations- und führungsbezogene Ursachen: mangelnde oder irreführende Kommunikation, wenig Raum für Feedback, Intransparenz und Praktiken, die Vertrauen untergraben.
Bouckenooghe und Kollegen (2021) beschreiben Kultur als ständiges Aushandeln von Bedeutungen: Menschen erzählen sich unterschiedliche Geschichten darüber, was hier passiert, und daraus entstehen gemeinsame Haltungen. Kultur ist damit etwas, das im Alltag immer wieder neu entsteht - in Gesprächen, bei Entscheidungen und im Umgang miteinander.
Kultur lässt sich daher vor allem im Change gezielt beobachten und bearbeiten.
Messe Erfolg in der Umsetzung im Alltag anstelle von Aktivität
Viele Change-Projekte messen Aktivität (Kommunikation, Events, Trainings). Dabei heisst Erfolg doch vielmehr: Eine neue Arbeitspraxis entsteht, vor allem dann, wenn niemand mehr über das Projekt redet.
Umsetzungserfolg hängt stark davon ab, wie Führung im Change handelt. Vos & Rupert (2017) zeigen, dass bestimmte Verhaltensweisen von Change-Verantwortlichen die Umsetzung je nach Komplexität spürbar erleichtern oder erschweren können. Im Idealfall verschiebt sich der Fokus von »wir haben viel gemacht» hin zu »wir haben die Umsetzung für die Menschen wirklich handhabbar gemacht».
Wenn man dort ansetzt, wird Veränderung nicht automatisch leicht, aber ehrlicher - und ein Stück menschlicher. Und vielleicht ist das schon mehr "Hi, Pathos", als viele Change-Projekte bisher zugelassen haben.






